Carl Amery

Für einen Autor der Hochliteratur war es ein überraschender Schritt: 1974 wandte sich Carl Amery, Mitglied der Gruppe 47, Satiriker und Kritiker der Kirche, der Science-Fiction zu. Beeinflusst hatte ihn nicht zuletzt G. K. Chesterton, dessen Science-Fiction-Romane er später in überarbeiteten deutschen Fassungen herausgab. Geboren wurde er am 9. April 1922 in München als Christian Anton Mayer, Sohn des Kunsthistorikers Anton Mayer-Pfannholz. Die Kindheit verbrachte er vor allem in Passau und Freising, und beide Städte kehren im Werk wieder: Passau in "Der Wettbewerb" und "Der Untergang der Stadt Passau", Freising in "Das Geheimnis der Krypta". 1943 geriet er in Tunesien in amerikanische Kriegsgefangenschaft, 1946 kehrte er nach München zurück. Er schrieb zuerst als Chris Mayer, dann als Carl Amery; "Amery" ist ein Anagramm von Mayer. 1954 erschien sein erster Roman, "Der Wettbewerb", ein Roman von 1958 begründete seinen Ruf als Satiriker. Auf "Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute" (1963) folgte "Das Ende der Vorsehung", in dem er dem Christentum eine Mitschuld an der Zerstörung der Umwelt gab. Das bestimmte ihn zum Vordenker der politischen Ökologie, eine Rolle, die er mit "Die ökologische Chance" ausfüllte; in der Anfangsphase engagierte er sich bei den Grünen, 1980 gründete er die E.-F.-Schumacher-Gesellschaft. Von 1967 bis 1971 leitete er die Münchner Stadtbibliothek, was eine Pause im Veröffentlichen bedeutete. In "Das Königsprojekt" (1974) will der Vatikan mit einer Zeitmaschine Leonardo da Vincis die Geschichte ändern und dem Haus Wittelsbach die Krone Englands verschaffen. "Der Untergang der Stadt Passau" (1975) nannte Amery im Vorwort eine Fingerübung, angeregt von Walter M. Millers "A Canticle for Leibowitz" (deutsch "Lobgesang auf Leibowitz"). Der Roman erschien in der Science-Fiction-Reihe von Heyne und wurde Amerys größter Bucherfolg. Der Literaturwissenschaftler Axel Goodbody sah darin Ökologie mit den Mitteln der Science-Fiction geschickt dramatisiert. 1979 folgte "An den Feuern der Leyermark". "Die Wallfahrer" (1986) und "Das Geheimnis der Krypta" (1990) verbinden Fantasy mit bayerischer Spiritualität. Goodbody fand sie komplexer gebaut und dichter mit anderen Texten verwoben als die frühere Science-Fiction. 1996 erhielt Amery den Deutschen Fantasy-Preis. 2001 erklärte er, aus gesundheitlichen Gründen keine weiteren Romane zu verfassen. Amery starb am 24. Mai 2005 in München. 2007 erschien der Essayband "Arbeit an der Zukunft", und der Verband deutscher Schriftsteller in Bayern stiftete den Carl-Amery-Literaturpreis.

Bücher