Mary Wollstonecraft Shelley

Jeden Morgen, erinnerte sich Mary Shelley 1831, habe sie die Frage, ob ihr eine Geschichte eingefallen sei, beschämt verneinen müssen. Im Juni 1816 hatte Lord Byron in der Villa Diodati am Genfersee vorgeschlagen, dass jeder eine Gespenstergeschichte schreibe; der Regen hielt die Runde mit Percy Bysshe Shelley und Byrons Arzt John William Polidori oft tagelang im Haus. Nach einem Gespräch über das Prinzip des Lebens und den Galvanismus sah die Achtzehnjährige nachts im Wachtraum einen bleichen Studenten neben dem Wesen knien, das er zusammengesetzt hatte. Aus der geplanten Kurzgeschichte wurde, von Percy Shelley ermutigt, ihr erster Roman. "Frankenstein; or, The Modern Prometheus" (1818), auf Deutsch "Frankenstein oder Der moderne Prometheus", erschien anonym, und weil das Vorwort von Percy Shelley stammte und das Buch William Godwin gewidmet war, hielten Kritiker und Leser ihn für den Verfasser. Wie viel er beitrug, ist umstritten; die Literaturwissenschaftlerin Fiona Sampson fand in den Notizbüchern weniger Eingriffe, als ein heutiger Lektor vornimmt. Geboren wurde sie am 30. August 1797 in London als Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die kurz nach der Geburt starb, und des Philosophen William Godwin. Der Vater unterrichtete sie selbst, und in seinem Haus verkehrten Gäste wie Samuel Taylor Coleridge. 1814 ging sie mit Percy Shelley, einem Anhänger ihres Vaters, nach Frankreich und in die Schweiz; Ende 1816 heirateten die beiden. In Italien, wohin das Paar 1818 zog, starben zwei ihrer Kinder, und aus der Trauer entstand die Novelle "Matilda"; "Valperga" (1823) schrieb sie, um die Geldnot ihres Vaters zu lindern. Nach dem Tod ihres Mannes 1822 beschloss sie, von ihrer Feder zu leben, und kehrte 1823 nach England zurück. Dort sah sie im August "Presumption; or, the Fate of Frankenstein", die erste Bühnenfassung ihres Romans, deren Erfolg dem Buch eine zweite Auflage brachte. Es folgte "The Last Man" (1826), auf Deutsch "Der letzte Mensch", ein Roman über das Ende des 21. Jahrhunderts, in dem eine Seuche die Menschheit bis auf einen auslöscht; Alexander Pechmann nennt ihn einen Vorläufer des Science-Fiction-Romans. Für die Werkausgabe ihres Mannes von 1838 verbot der Schwiegervater eine Biografie; sie erzählte das Leben des Dichters stattdessen in den Anmerkungen zu den Gedichten. Sie starb am 1. Februar 1851 in London. Danach galt sie lange als Frau des Dichters und Autorin eines einzigen Buches, und die meisten ihrer Werke waren bis in die 1980er Jahre vergriffen, was den Blick auf die Berufsschriftstellerin verstellte.

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