Rafik Schami
Rafik Schamis Lesungen sind weniger Lesungen als freie Nacherzählungen seiner Bücher, so wie er schon als Kind seinen Freunden in den Straßen von Damaskus Geschichten erzählte. Geboren wurde er dort am 23. Juni 1946 als Suheil Fadel; der Name, unter dem er schreibt, bedeutet "Freund aus Damaskus". Nach einem Klosterinternat im Libanon studierte er in Damaskus Chemie, Mathematik und Physik. Mit neunzehn hatte er sich der Literatur verschrieben und schrieb Geschichten auf Arabisch; in der Altstadt leitete er die Wandzeitung Al-Muntalak, "Ausgangspunkt". 1970 verließ er Syrien in Richtung Libanon, 1971 kam er in die Bundesrepublik, ohne Deutsch zu sprechen. In Heidelberg setzte er das Chemiestudium fort, arbeitete nebenher in Fabriken, Kaufhäusern, Restaurants und auf Baustellen und wurde 1979 promoviert. Nachdem 1977 sein erster deutscher Text erschienen war, schrieb er nur noch auf Deutsch; 1978 kam "Andere Märchen" heraus, sein erstes deutsches Buch. 1980 gründete er die Literaturgruppe Südwind und den Polynationalen Literatur- und Kunstverein PoLiKunst mit, die jede Form kultureller Arbeit von Einwanderern förderten. Er gilt als einer der Initiatoren der Gastarbeiterliteratur, deren Grenzen er bald hinter sich ließ; seit 1982 ist er freier Schriftsteller. Seine Bücher sind meist Sammlungen von Geschichten und stehen der mündlichen arabischen Erzähltradition nahe, mit Anklängen an Tausendundeine Nacht. In "Erzähler der Nacht" (1989) und "Der ehrliche Lügner" (1992) erzählen Figuren einander innerhalb einer Rahmenhandlung Geschichten. "Der ehrliche Lügner" trägt den Untertitel "Roman von tausendundeiner Lüge", und schon im ersten Satz ist nicht einmal sicher, dass der Erzähler Sadik heißt; 1994 erhielt Schami den Hermann-Hesse-Preis dafür. "Eine Hand voller Sterne" (1987), das Tagebuch eines jungen Damaszeners mit vielen autobiografischen Zügen, gewann mehrere Preise, in der englischen Übersetzung 1991 den Mildred L. Batchelder Award. Mit "Reise zwischen Nacht und Morgen" (1995) gab er die strenge Trennung der Schauplätze zwischen Orient und Okzident auf. Der umfangreiche Roman "Die dunkle Seite der Liebe" (2004) verarbeitet autobiografisch gefärbt die Geschichte Syriens von 1870 bis 1970, dem Jahr seiner Ausreise. Im Januar 2005 ging bei dtv das millionste Exemplar seiner Taschenbücher über den Ladentisch. Sein Erfolg gründet nicht zuletzt auf seinen zahlreichen Lesungen. 2010 hatte er die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel inne, mit Vorlesungen über die Erzählkunst, 2022 erhielt er die Carl-Zuckmayer-Medaille.
- Geboren
- 23. Juni 1946