Urs Widmer

Fiktion wollte Urs Widmer schreiben und dabei "möglichst viel gesellschaftliche Wirklichkeit spürbar werden lassen". Die Jury des Friedrich-Hölderlin-Preises sah eine Stärke seiner Texte im "Wechsel der Töne": Ironie und Satire neben surrealer und realistischer Präzision. Widmer wurde 1938 in Basel als Sohn des Übersetzers, Literaturkritikers und Gymnasiallehrers Walter Widmer geboren und kam durch den Beruf des Vaters schon als Kind mit dem Literaturbetrieb in Berührung; Heinrich Böll war oft zu Gast. Er studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris und wurde 1966 in Basel mit einer Arbeit über die Prosa der "jungen Generation" promoviert. Als Lektor ging er vom Walter Verlag in Olten zu Suhrkamp nach Frankfurt, wo er unter anderem Peter Handke betreute, und verließ den Verlag beim Lektorenaufstand von 1968. Im selben Jahr debütierte er mit der Erzählung "Alois", 1969 gehörte er zu den Gründern des Verlags der Autoren, bei dem seine Theaterstücke erschienen. In Frankfurt blieb er bis 1984 als freier Schriftsteller, schrieb Kritiken für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und lehrte neuere deutsche Literatur an der Universität, dann kehrte er in die Schweiz zurück. Die Sozialsatire "Top Dogs" zeigte er 1997 mit dem Regisseur Volker Hesse beim Berliner Theatertreffen: Entlassene Führungskräfte erleben in einem Outplacement-Center selbst, was sie anderen zugefügt haben. Im selben Jahr bekam er dafür den Mülheimer Dramatikerpreis. Ab 2000 trugen viele seiner Bücher autobiografische Züge, darunter die Trilogie über seine Mutter ("Der Geliebte der Mutter", 2000), seinen Vater ("Das Buch des Vaters", 2004) und sich selbst ("Ein Leben als Zwerg", 2006), die zu seinen größten Publikumserfolgen zählt. Wie sein Vater übersetzte er aus dem Französischen und Englischen, darunter Raymond Chandler, Edward Gorey und 1992 Joseph Conrads "Herz der Finsternis". Seine Erzählung "Der blaue Siphon" erschien 2014 auf Englisch als "The Blue Soda Siphon". Widmer erhielt unter anderem den Heimito-von-Doderer-Preis (1998), den Bertolt-Brecht-Literaturpreis (2001) und den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2002). Roman Bucheli, Literaturredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, nannte 2014 seine Verkaufszahlen durchweg hoch fünfstellig. Urs Widmer starb 2014 in Zürich; sein Archiv liegt im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Geboren
21. Mai 1938
Gestorben
2. April 2014
Nationalität
Schweiz

Bücher