Yoko Ogawa
Als Jugendliche las Yōko Ogawa das Tagebuch der Anne Frank und begann daraufhin ein eigenes, in dem sie Anne antwortete, als wären sie Freundinnen; das Buch blieb ihr über die ganze Laufbahn eine wichtige Inspiration. Die 1962 in Okayama geborene Japanerin studierte Literatur an der Waseda-Universität in Tokio, wo sie Mieko Kanai, Kenzaburō Ōe und Haruki Murakami beeinflussten. Auch Paul Auster prägte sie: Bei „Moon Palace“ habe sie gedacht, „so möchte ich schreiben“. Nachdem sie ihre Stelle als Sekretärin an einer medizinischen Hochschule aufgegeben hatte, schrieb sie zunächst nur als Hobby. Ihr Debüt „Agehachō ga kowareru toki“ erhielt 1988 den Kaien-Preis; für die Novelle „Ninshin karendā“ bekam sie den Akutagawa-Preis, der ihren Ruf in Japan festigte. „Hakase no aishita sūshiki“ (2003, deutsch „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“) erzählt von einem Mathematikprofessor, der sich an nichts länger als achtzig Minuten erinnert. Der Roman erhielt 2004 den Yomiuri-Preis und den Großen Preis der Buchhändler und wurde 2006 unter der Regie von Takashi Koizumi verfilmt; im selben Jahr folgte der Tanizaki-Preis für „Mīna no kōshin“. In „Hisoyaka na kesshō“ (1994) vergessen die Bewohner einer Insel nach und nach, dass es Dinge wie Vögel oder Blumen gibt. In der Übersetzung von Stephen Snyder stand der Roman als „The Memory Police“ 2020 in der Endauswahl des International Booker Prize und erhielt den American Book Award; deutsch erschien er im selben Jahr bei Liebeskind als „Insel der verlorenen Erinnerung“. Auf Englisch hatte 2008 schon der Band „The Diving Pool“ den Shirley Jackson Award gewonnen. Kenzaburō Ōe sagte, sie könne die feinsten Regungen der menschlichen Psyche in einer Prosa ausdrücken, „die sanft und doch durchdringend ist“. Das Etikett einer feministischen Autorin, das ihr Bücher über weibliche Körper und die Rolle der Frau in der Familie eintrugen, begegnete sie mit Zurückhaltung: Sie habe nur in die Welt ihrer Figuren geschaut und notiert, was sie taten. 2021 erhielt sie den Kikuchi-Kan-Preis für ihr mehr als dreißigjähriges Schaffen und die Medaille am violetten Band, 2022 nahm die Royal Society of Literature sie als International Writer auf.